Freitag, 16. Dezember 2011

Magnus Hirschfeld - "das falsche Idol"*


Teil 2: Hirschfeld und die Eugenik


Magnus Hirschfeld war leider auch Anhänger der Eugenik, die mit den Schlagworten Rassenhygiene und Blutreinheit Eingang in die nationalsozialistische Ideologie fand. Er glaubte an die biologische Höherzüchtung des Menschen. Als Mitbegründer der Weltliga für Sexualreform formulierte er als einen der 10 Programmpunkte: „die Verbesserung des Menschengeschlechts nach eugenischen Gesichtspunkten.“[1] Im Vorwort zu seinem 1933 publizierten Buch Die Weltreise eines Sexualforschers schrieb er: Die Eugenik bezweckt durch die Hervorbringung besserer und glücklicherer Menschen die Entstehung einer besseren und glücklicheren Menschheit.[2]

Hirschfeld war auch Mitglied in der 1905 von Alfred Ploetz gegründeten Gesellschaft für Rassenhygiene. Ploetz war Antisemit und Anhänger des Ariertums. Die Gesellschaft für Rassenhygiene bahnte u.a. den Nazis den Weg für Gesetze wie das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Mit dem Argument, die Volksgesundheit sei nur durch Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ zu erhalten, rechtfertigte man unter dem Begriff „Euthanasie“ Massenmorde an Kranken und Behinderten, Zwangssterilisierungen u. ä. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch kritisiert in seinem SPIEGEL-Artikel Hirschfelds aufklärerische Haltung und bezieht ihn hier mit ein: „Die deutschen Gelehrten, die lange vor dem Hitlerfaschismus wissenschaftlich und ethisch begründeten, warum bestimmte Menschen und Rassen Unkraut seien, minderwertig und lebensunwert, waren von hohen Idealen durchdrungen.“[3]

In seinem 1908 veröffentlichten Artikel „Über Sexualwissenschaft“ bezog Hirschfeld den Geschlechtstrieb auf die „Vervollkommnung des Menschengeschlechts“: „Man scheut sich, ein verkrüppeltes Männchen oder Weibchen zu ehelichen oder jemanden, dessen Vater sich im Zucht- oder Irrenhaus befindet. Und nicht ohne Grund; denn nur, wenn wir die Gesündesten, Wohlgestaltetsten, Intelligentesten und Gesittetsten zu Ehehälften nehmen, tragen wir zur Veredelung der Rasse bei.“[4]

Er glaubte, die meisten Homosexuellen bekämen, wenn sie sich fortpflanzten, genetisch „degenerierte“ Nachkommen, weil sie selbst schon „degenerierte“ Erbanlagen in sich trügen. Deshalb habe die Natur die Homosexualität erfunden, so daß die „Degenerierten“ sich nicht fortpflanzten, sondern ihre Sexualität unfruchtbar unter sich auslebten, und die menschliche Keimbahn so von Erbfehlern frei bliebe.[5]
In seinem Lehrbuch „Geschlechtsverirrungen“ erläutert Hirschfeld seine Ansichten zur genetischen Disposition homosexueller Frauen und Männer: „Die Annahme, dass sich die Natur homosexueller Menschen bedient, um eine Degenerierung zu verhindern, scheint durch die Ehen und die Nachkommen von Homosexuellen bewiesen zu werden. Viele dieser Ehen sind kinderlos, aber wenn sie es nicht bleiben, sind die Kinder meistens geistig minderwertig, falls nicht ein besonders guter Partner einen genügenden Ausgleich in die Ehe bringt. Jedenfalls ist die Ehe eines Homosexuellen vom Standpunkt der Rassenpflege aus ein gefährliches Unternehmen. … Jedenfalls verdammt ein Homosexueller, der heiratet, eine gesunde Frau zur Sterilität oder zur Geburt geistesschwacher Kinder.“[6]
Laut Andreas Seeck brachte Hirschfeld Homosexualität immer wieder mit „einer krankhaften Anlage des Nervensystems“ in Verbindung und bezeichnete „die in den Ehen Homosexueller erzeugten Kinder“ als „selten vollwertig“ und „degeneriert“.[7]
Solche abstrusen Äußerungen entbehren nicht nur jeder wissenschaftlichen Grundlage, sie sind auch zutiefst verletzend und diskriminierend.

Der Psychologe Peter Kratz hat sich intensiv mit Magnus Hirschfeld und insbesondere mit seiner Haltung zur Eugenik beschäftigt. Die folgenden Zitate aus seinem Artikel in der Zeitschrift KONKRET sind sehr aufschlussreich:
„Entsprechend war die eugenische Eheberatung, die in seinem [Hirschfelds] Institut für Sexualwissenschaft (IfSw) breiten Raum einnahm, sich an die unteren Gesellschaftsschichten richtete und dem Ziel der biologischen 'Hinaufpflanzung' (statt einfacher Fortpflanzung) der Menschheit folgte, ein Begriff, den Hirschfeld von seinem Idol Friedrich Nietzsche übernommen hatte, dem Ideologen des Übermenschen, den Hirschfeld in seinen Schriften immer wieder zitierte. Bei alldem war Hirschfelds Denken nicht primär von der Biologie geprägt, wie manche Kritiker heute meinen, sondern von den Ideen der Höher- und Minderwertigkeit und der Selektion; hierin lag seine faktische Gegnerschaft zu Menschenrechten und Menschenwürde. ... Er gehörte zum Dunstkreis der Täter, auch wenn sie ihn angriffen. Und statt medizinischer und psychologischer Wissenschaft brachte er wilde Thesen, rassenhygienische Ideologeme und viele Anekdoten zu Papier. ... Hirschfeld verehrte Ernst Haeckel, den Mitbegründer des Sozialdarwinismus, den die Nazis 1935 in ihrer Intellektuellen-Zeitschrift 'Nationalsozialistische Monatshefte' als 'Wegbereiter biologischen Staatsdenkens' feierten. Haeckel glaubte, die moderne Zivilisation setze das Evolutionsgesetz der natürlichen Auslese in der Menschheitsentwicklung außer Kraft, was zu einer sprunghaften Zunahme 'minderwertiger' Menschen führe, die letztlich den Fortbestand der menschlichen Rasse gefährdeten. Der drohenden 'Entartung' sollte durch 'Aufartung', vor allem durch Fortpflanzungsbeschränkungen für 'minderwertige' Menschen begegnet werden. ... Die Sozialdarwinisten sammelten sich im Deutschen Monistenbund…, bei den völkisch-religiösen Freireligiösen und in der Gesellschaft für Rassenhygiene des Antisemiten und Anhängers des Ariertums, Alfred Ploetz, deren Ehrenpräsident Haeckel ebenfalls war. Hirschfeld, der in der Gesellschaft für Rassenhygiene aktiv war und dem Monistenbund als führender Ideologe angehörte, gründete für seine Zwecke zusätzlich noch die Ärztliche Gesellschaft für Sexualethik und Eugenik, in der rechte Sozialdemokraten wie der berüchtigte Alfred Grotjahn (ebenfalls ein Ehrenpräsident der Gesellschaft für Rassenhygiene) den Ton angaben. ... In seinem Wissenschaftlich-Humanitären Komitee (WHK), das als erste Menschenrechtsorganisation der Homosexuellen gilt, arbeitete Hirschfeld eng mit Helene Stöcker zusammen, der weiblichen Stütze des WHK, die die 'Aufartung' des Volkes durch Gesundheitszeugnisse und durch Eheverbote für 'minderwertige Väter' über ihren Bund für Mutterschutz propagierte.“[8]

Ob das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933, das Eheverbote und Zwangssterilisationen vorsah, „zum Wohl der Bevölkerung Deutschlands“ sei, „kann erst die Zukunft lehren“, meinte Hirschfeld noch 1935. Seiner Ansicht nach greife das NS-Gesetz zu kurz: „Wenn man wirklich eine energische Ausjätung betreiben will, hätte man die Rauschsüchtigen und unter ihnen die Alkoholiker vor allem ins Auge fassen müssen“.[9]
Die Forderung der Eugeniker nach verpflichtenden Gesundheitsprüfungen vor der Eheschließung wurde 1935 von den Nationalsozialisten mit dem Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes verwirklicht.

In Hirschfelds letzter Arbeit, dem posthum und in englischer Übersetzung publizierten Buch Racism schrieb er: „Worth-while eugenics will only become practicable after the social revolution“. Die eugenische Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten durch Sterilisationen „Unerwünschter“ nannte er „an interesting experiment ... but it will be a long while before the results can be judged on their merits.“[10] Bereits in seinem 1930 erschienenen Lehrbuch „Geschlechtskunde“ hatte er sich für derartige Zwangsmaßnahmen ausgesprochen: „Die Zwangssterilisierung sollte nur in ganz besonders schweren Fällen erlaubt sein, namentlich, wenn die Betreffenden selbst geistig so verblödet sind, daß sie außerstande sind, über sich zu verfügen.“[11]
 

1931 unternahm Hirschfeld eine Vortragsreise in die USA, über die er in seinem Buch „Weltreise eines Sexualforschers im Jahre 1931/32“ berichtete. Organisiert wurde sie von seinem Freund George Sylvester Viereck, einem Anhänger des Nationalsozialismus. In den USA, so Peter Kratz, hoffte Hirschfeld auf eine größere Resonanz seiner eugenischen Positionen. Denn in einigen US-Bundesstaaten waren bereits Gesetze zur Zwangssterilisierung Behinderter in Kraft, ebenso wie gesetzliche Verbote für Ehen zwischen Weißen und Schwarzen oder Asiaten.[12]
 
Am Ende seiner umfangreichen Forschungsarbeit zieht Kratz das Fazit: „Der Übergang von seiner 'Sexualreform' zum Verbrechen [der Nationalsozialisten] war fließend, und dies hätte jeder sehen können, der sich prinzipiell für Eheverbote und Zwangssterilisierungen aussprach, denn die widersprachen auch schon in den 10er und 20er Jahren den Menschenrechten. Auch läßt sich, wie dargestellt, Hirschfeld nicht aufspalten in einen 'fortschrittlichen' Sexualreformer und einen 'problematischen' Eugeniker.“[13]

Wie kann eine Stiftung, die das nationalsozialistische Unrecht an Homosexuellen aufarbeiten will, sich nach einem Mann nennen, der eine Ideologie vertrat, die genau diesen Verbrechen mit den Boden bereitete?

Wird die Eugenik heute durch Abtreibung und PID wieder gesellschaftsfähig? Öffnen wir erneut die Büchse der Pandora mit der „Aussonderung unbrauchbarer Embryonen“ und einem „selbstbestimmten humanen Sterben“? Die liberalen Niederlande zeigen uns, wie Selektion auch ohne Diktatur funktionieren kann.


[1] Der Sozialistische Arzt, April 1928, siehe http://www2.hu-berlin.de/sexology/BIB/herzer/index.htm
[3] Sigusch, V., Man muss Hitlers Experimente abwarten, DER SPIEGEL vom 13.05.1985, abrufbar unter http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513911.html
[4] Hirschfeld, M., Über Sexualität, in: Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Nr. 1, 1908, S. 9.  
[5] Peter Kratz über Magnus Hirschfeld, abrufbar unter http://www.google.de/imgres?imgurl=http://bifff-berlin.de/HirschWeltr.JPG&imgrefurl=http://bifff-berlin.de/aktuell118.html&usg=__fJyAy35Kh-6ex33e457jcJyCNlQ=&h=444&w=500&sz=152&hl=de&start=111&zoom=1&tbnid=VZI_DH561TnA3M:&tbnh=119&tbnw=134&ei=2NPjTu3pJMrIswav-ZTACQ&prev=/search%3Fq%3Dmagnus%2Bhirschfeld%26hl%3Dde%26sa%3DX%26biw%3D1280%26bih%3D636%26tbm%3Disch%26prmd%3Dimvnsbo&itbs=1&iact=hc&vpx=463&vpy=276&dur=6893&hovh=212&hovw=238&tx=142&ty=175&sig=102316185332427629278&page=6&ndsp=24&ved=1t:429,r:10,s:1
[6] Hirschfeld, M., Geschlechtsverirrungen. S. 281-283.
[7] Seeck, A., Aufklärung oder Rückfall? Das Projekt der Etablierung einer „Sexualwissenschaft“ und deren Konzeption als Teil der Biologie, in: M-MHG, Nr. 26/27, 1998; kritische Beiträge zur Eugenik auch in M-MHG Nr. 11, 1988, S. 25.
[8] Kratz, P., Der Streicher des Sex, Konkret 4/2000, abrufbar unter http://www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=derstreicherdessex&jahr=2000&mon=04
[9] Hirschfeld, M., Phantom Rasse, zit. n. Herzer, M.: Hirschfelds Utopie, in M-MHG Nr. 28, 1998, S. 58-60.
[10] Hirschfeld, M., Racism. Translated and Edited by Eden and Cedar Paul, London 1938, S. 173.
[11] Hirschfeld, M., Geschlechtskunde, Bd. III, Stuttgart 1930, S. 48.
[12] Kratz, P., Magnus Hirschfeld: Nazis pflasterten seinen Weg, abrufbar unter http://www.bifff-berlin.de/aktuell118.html
[13] Kratz, P., Magnus Hirschfeld - das falsche Idol für sexuelle Emanzipation, abrufbar unter http://www.bifff-berlin.de/IfSw1.htm

 
* Peter Kratz über Magnus Hirschfeld: http://www.trend.infopartisan.net/trd7800/t357800.htm#anm2

1 Kommentar:

  1. Das ist ja mal interessant! Ich wusste nur, das Hirschfeld ja eigtl das Klischee des eigtl "weiblichen" Mannes, der andere Männer begehrt, schuf, im Gegensatz zu seinem "Kollegen" Ulrichs, der leider eher in Vergessenheit geriet.

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